OFFENER BRIEF AN DIEJENIGEN, DIE KINDER SCHÜTZEN SOLLEN
An die Familiengerichte.
An die Jugendämter.
An die Sachverständigen.
An die Fachwelt.
An die Politik.
Und an alle, die Verantwortung für Kinder tragen.
Wir müssen über „Ihr Versagen“ sprechen.
Nicht über ein paar unglückliche Einzelfälle.
Nicht über bedauerliche Kommunikationsprobleme.
Nicht über „hochstrittige Eltern“ und „Ruhe für das Kind“.
Und auch nicht darüber, dass Verfahren manchmal kompliziert sind.
Wir müssen über Ihr strukturelles Problem sprechen:
Kinder können in Deutschland über Jahre den Kontakt zu einem Elternteil verlieren, während Sie als ganzes System zusehen, dokumentieren, bewerten, vertagen und verwalten.
Und schneller als gedacht ist die Eltern-Kind-Bindung zerstört.
Nicht auf dem Papier.
Aber im Leben.
WANN IST EIN KIND EIGENTLICH GESCHÜTZT?
Ist ein Kind geschützt, wenn es keinen Kontakt mehr zu einem Elternteil hat?
Vielleicht. Manchmal sogar zwingend.
Aber vielleicht auch nicht. Und genau deshalb ist die eigentliche Frage eine andere:
Warum hat dieses Kind keinen Kontakt?
Diese Frage müsste am Anfang stehen.
Nicht am Ende.
Nicht nach drei Jahren.
Nicht nachdem sich ein Kontaktabbruch verfestigt hat.
Nicht nachdem ein Kind gelernt hat, dass ein Elternteil in seinem Leben nicht mehr vorkommt.
Am Anfang.
Denn Zeit ist im Familienrecht nicht neutral.
Wenn ein Kind heute keinen Kontakt hat, ist das eine Tatsache.
Wenn es in einem Jahr immer noch keinen Kontakt hat, ist es eine neue Realität.
Wenn es nach fünf Jahren immer noch keinen Kontakt hat, ist es eine verlorene Beziehung.
Und dann passiert etwas Absurdes:
Das System nimmt den Zustand, den es selbst über Jahre nicht verhindert hat, als Begründung dafür, warum eine Veränderung nun schwierig sei.
So wird aus Verzögerung Dauer.
Und aus Dauer wird Normalität.
AN DIE FAMILIENGERICHTE
Sie haben eine enorme Macht. Nicht nur die Macht, Entscheidungen zu treffen.
Sondern auch die Macht, durch Verzögerung Entwicklungen zuzulassen, die später kaum noch rückgängig zu machen sind.
Deshalb muss die Frage erlaubt sein:
Was bedeutet eine richtige Entscheidung, wenn sie zu spät kommt?
Ein Kind wartet nicht auf den nächsten Verhandlungstermin.
Ein Kind wartet nicht auf das Gutachten.
Ein Kind wartet nicht auf die Stellungnahme des Jugendamtes.
Ein Kind wartet nicht auf den nächsten Beschluss.
Ein Kind lebt. Jetzt.
Währenddessen verändern sich Bindungen.
Erinnerungen verblassen.
Ängste wachsen.
Loyalitäten verschieben sich.
Erzählungen werden zur Wahrheit.
Und irgendwann sitz en Sie als Richter vor einem Kind, das seinen Vater oder seine Mutter seit Jahren nicht gesehen hat, und hören:
„Ich will ihn/sie nicht sehen.“
Dann stellt sich die entscheidende Frage: Ist das wirklich der Anfang der Geschichte?
Oder ist es das Ergebnis einer Geschichte, die längst vorher begonnen hat?
Wenn Sie aber nur den aktuellen Kindeswillen betrachten, aber nicht seine Entstehung, riskieren Sie, die wichtigste Frage des gesamten Verfahrens zu übersehen.
Nicht: Was will das Kind?
Sondern: Wie ist dieser Wille entstanden?
AN DIE JUGENDÄMTER
Sie haben einen Auftrag.
Nicht den Auftrag, Elternkonflikte zu verwalten.
Nicht den Auftrag, Akten zu produzieren.
Nicht den Auftrag, zwischen Erwachsenen möglichst konfliktarm zu vermitteln.
Ihr Auftrag ist der Schutz des Kindes.
Und deshalb muss die Frage gestellt werden: Warum behandeln Sie einen jahrelangen Kontaktabbruch zu einem Elternteil nicht immer als möglichen Kinderschutzfall?
Warum sprechen Sie so oft vom „Elternkonflikt“?
Als wäre das Kind nur Zuschauer.
Als wäre es nicht das Zentrum dieses Konflikts.
Als würde es nicht jeden Tag mit dessen Folgen leben.
Gestern, heute, in ein paar Monaten, in vielen Jahren.
Natürlich gibt es Fälle, in denen ein Kontaktabbruch notwendig ist.
Natürlich gibt es Eltern, vor denen Kinder geschützt werden müssen.
Aber genau deshalb ist die Aufgabe so schwierig.
Denn wenn ein Kind den Kontakt zu einem Elternteil verliert, gibt es zwei mögliche Katastrophen.
Die erste: Ein Kind wird zu einem missbrauchenden Elternteil gedrängt.
Die zweite: Ein Kind wird bei einem missbrauchenden Elternteil belassen und von einem sicheren und wichtigen Elternteil getrennt.
Beide Fälle sind Kinderschutzversagen.
Und wenn Sie das eine verhindern wollen, dürfen Sie das andere nicht ignorieren.
AN DIE SACHVERSTÄNDIGEN UND VERFAHRENSBEISTÄNDE
Sie tragen Verantwortung für etwas, das nicht in einer Akte bleibt.
Ihre Einschätzung kann darüber entscheiden, ob ein Kind einen Elternteil wiederfindet.
Oder ihn endgültig verliert.
Deshalb braucht es mehr als Fachbegriffe.
Mehr als Diagnosen.
Mehr als methodische Routinen.
Es braucht Ihre Bereitschaft, unbequeme Hypothesen tatsächlich zu prüfen.
Auch die Hypothese, dass ein Kind beeinflusst sein könnte.
Und ebenso die Hypothese, dass ein Kind einen Elternteil aus berechtigten Gründen ablehnt.
Beides muss Ihnen möglich sein.
Wenn Sie nur eine dieser Möglichkeiten zulassen, arbeiten nicht ergebnisoffen.
Sie müssen aufhören, Kinder in einfache Kategorien zu pressen.
Kinder sind nicht automatisch manipuliert.
Aber sie sind auch nicht automatisch unbeeinflusst.
Sie sind Kinder.
Und Kinder können lieben.
Sie können Angst haben.
Sie können loyal sein.
Sie können schützen wollen.
Sie können Dinge übernehmen, die sie selbst nicht vollständig verstehen.
Sie können gleichzeitig mehrere Wahrheiten in sich tragen.
Das ist die Realität.
Und diese Realität verdient Ihre Diagnostik, die komplex genug ist, sie auszuhalten.
AN DIE FACHWELT
Vielleicht ist es an der Zeit, den ideologischen Krieg um Begrifflichkeiten zu beenden.
Denn während Sie Fachleute oder die, die sich so nennen, darüber streiten, ob ein Begriff verwendet werden darf, verliert ein Kind möglicherweise seinen Vater.
Oder seine Mutter.
Dazu, Oma, Opa, Tante, Onkel, Cousin und Cousine und viele andere ehemals wichtige Bezugspersonen.
Doch das Kind interessiert sich nicht für Ihren Streit um Begriffe.
Es interessiert sich irgendwann vielleicht nur noch für eine einzige Frage:
„Warum war mein Papa nicht da?“
Oder:
„Warum durfte ich meine Mama nicht sehen?“
Was soll dieses Kind dann hören?
Dass die Erwachsenen sich nicht einigen konnten?
Dass die Fachwelt unterschiedliche Definitionen hatte?
Dass das Verfahren kompliziert war?
Dass Zuständigkeiten unklar waren?
Dass Richter, Jugendämter und alle anderen im System die Augen verschließen vor der Realität?
Das sind Erklärungen. Aber keine Antworten.
Wir brauchen Forschung.
Wir brauchen Standards.
Wir brauchen bessere Diagnostik.
Wir brauchen interdisziplinäre Kompetenz.
Aber vor allem brauchen wir Ihren Mut, ein Problem zu untersuchen, ohne vorher festzulegen, welche Antwort politisch, ideologisch oder fachlich akzeptabel ist.
AN DIE POLITIK
Sie sprechen gerne vom Kindeswohl.
Dann sorgen Sie dafür, dass Kindeswohl nicht nur ein Wort bleibt.
Schaffen Sie Strukturen, die schnell reagieren können.
Schaffen Sie Fachlichkeit, die differenzieren kann.
Schaffen Sie Verfahren, die nicht erst dann handeln, wenn eine Beziehung bereits irreparabel beschädigt ist.
Und hören Sie auf, Kinderschutz nur dort zu denken, wo die Gefahr sichtbar ist.
Nicht jede Kindeswohlgefährdung hinterlässt blaue Flecken.
Manche hinterlässt eine leere Kontaktliste.
Ein fehlendes Foto.
Einen vergessenen Geburtstag.
Verblassende Erinnerungen.
Einen Elternteil, dessen Name irgendwann nicht mehr fällt.
Eine Kindheit, in der jemand fehlt.
Und manchmal merkt ein Kind erst als Erwachsener, was ihm als Kind gefehlt hat.
Dann ist die Akte längst geschlossen.
Das Verfahren längst beendet.
Die Zuständigkeit längst erloschen.
Aber der Verlust bleibt.
Und die Zeit ist verloren.
AN DEN KINDERSCHUTZ
Sie müssen den Begriff „Schutz“ größer denken.
Ein Kind braucht Schutz vor Gewalt.
Vor Missbrauch.
Vor Vernachlässigung.
Aber ein Kind braucht unter sicheren Voraussetzungen auch Ihren Schutz vor dem Verlust wichtiger Bindungen.
Das bedeutet nicht: Jedes Kind muss jeden Elternteil sehen.
Es bedeutet: Jede Trennung und jeder Vorwurf muss ernsthaft geprüft werden.
Nicht jede Ablehnung ist Manipulation.
Aber nicht jede Ablehnung ist automatisch freie, unbeeinflusste Selbstbestimmung.
Wer das nicht unterscheiden will, macht es sich zu einfach.
Und wer es nicht unterscheiden kann, muss seine Methoden verbessern.
Denn das Kind trägt die Konsequenzen.
Nicht die Institution.
Nicht die Behörde.
Nicht das Gericht.
Nicht der Sachverständige.
Das Kind!
UND JETZT DIE FRAGE, DIE NIEMAND GERNE STELLT
Was passiert eigentlich, wenn alle Beteiligten formal korrekt gehandelt haben — und das Kind trotzdem einen Elternteil verliert?
Wer trägt dann die Verantwortung?
Der Richter?
Der Jugendamtsmitarbeiter?
Der Sachverständige?
Der Verfahrensbeistand?
Der Gesetzgeber?
Der betreuende Elternteil?
Der andere Elternteil?
Oder niemand?
Vielleicht liegt genau hier eines der größten Probleme:
In einem System mit vielen Zuständigkeiten kann Verantwortung so lange verteilt werden, bis sie am Ende niemand mehr trägt.
Jeder hat seine Akte.
Jeder hat seine Vorschriften.
Jeder hat seine Begründung.
Jeder kann erklären, warum er nicht anders gehandelt hat.
Und am Ende steht ein Kind.
Mit einer zerstörten Beziehung.
Und plötzlich ist niemand zuständig.
DAS IST NICHT AKZEPTABEL!
Sie alle können nicht einerseits behaupten, dass Kinder geschützt werden müssen, und andererseits akzeptieren, dass sie über Jahre den Kontakt zu einem Elternteil verlieren, ohne dass Sie die Ursachen dieses Verlustes mit derselben Konsequenz untersucht haben wie andere mögliche Kindeswohlgefährdungen.
Sie können nicht den Kindeswillen als höchste Instanz feiern und gleichzeitig ignorieren, dass Kinder in Loyalitätskonflikten leben können.
Sie können nicht jede Kritik am System als Angriff auf den Kinderschutz abwehren.
Manchmal ist Kritik am System der Versuch, Ihren Kinderschutz besser zu machen.
Sie können nicht jede Diskussion über Entfremdung mit dem Hinweis beenden, dass es auch berechtigte Kontaktabbrüche gibt.
Natürlich gibt es sie.
Aber das ist kein Argument gegen die Untersuchung anderer Fälle.
Es ist ein Argument für bessere Untersuchung.
Es ist ein Argument für besseren Kinderschutz.
Es ist ein Argument für KINDERSCHUTZ FÜR ALLE.
DIE WAHRHEIT IST UNBEQUEM
Es gibt Kinder, die vor einem Elternteil geschützt werden müssen.
Und es gibt Kinder, die vor dem Verlust eines Elternteils geschützt werden müssen.
Beide Kinder brauchen Schutz.
Und genau deshalb brauchen wir ein System, das nicht reflexartig entscheidet.
Nicht für Mütter.
Nicht für Väter.
Nicht für eine Ideologie.
Nicht für eine Fachrichtung.
Für das Kind.
Vielleicht müssen Sie endlich aufhören, sich selbst dafür zu loben, dass Sie Verfahren durchführen.
Ein Verfahren ist kein Kinderschutz.
Ein Gutachten ist kein Kinderschutz.
Ein Beschluss ist kein Kinderschutz.
Eine Akte ist kein Kinderschutz.
Kinderschutz ist, wenn ein Kind am Ende tatsächlich geschützt ist.
Und wenn ein Kind über Jahre einen Elternteil verliert, ohne dass Sie zuverlässig wissen, warum, dann müssen Sie den Mut haben, sich einzugestehen:
Sie wissen nicht genug.
Wenn Sie aber nicht wissen, warum ein Kind den Kontakt verweigert, müssen Sie es herausfinden.
Wenn Sie doch wissen, dass Kinder beeinflussbar sind, müssen Sie handeln.
Wenn Sie wissen, dass ein Elternteil gefährlich ist, müssen Sie handeln.
Wenn Sie es aber nicht wissen, müssen Sie schneller und besser hinschauen.
Aber eines dürfen Sie nicht:
Jahrelang nichts tun und das Ergebnis anschließend als Kindeswillen akzeptieren, nur weil es inzwischen bequem geworden ist, die Realität nicht mehr zu hinterfragen.
Denn irgendwann wird aus einem Kontaktabbruch eine Kindheit ohne einen Elternteil.
Und das geht schneller als Sie glauben zu denken oder Sie sich erlauben zu wissen.
Und irgendwann wird aus dieser Kindheit eine Biografie.
Dann ist das Verfahren aber längst vorbei.
Die Akte geschlossen.
Sie als Richter nicht mehr zuständig.
Sie als Jugendamtssachbearbeiter längst woanders.
Sie als Sachverständiger oder Verfahrensbeistand längst im nächsten Fall.
Sie als Politiker oder Partei längst bei einem anderen Thema.
Aber das Kind lebt weiter mit dem Ergebnis.
Ein Leben lang.
Deshalb sollten auch Sie sich endlich eine Frage stellen, die weit unbequemer ist als jede Debatte über Begriffe:
Wie viele Kinder müssen noch einen Elternteil verlieren, bevor Sie aufhören, das Problem zu verwalten und anfangen, es wirklich zu lösen?
Nicht irgendwann.
Nicht nach Jahren.
Nicht wenn es wieder einmal zu spät ist.
Sondern dann, wenn ein Kind noch eine Chance hat.
DANKE
Diesen offenen Brief als Download: Wir müssen Sprechen – ein offener Brief


Dieser Brief muss an alle Menschen und Institutionen geschickt werden, die Entscheidungen über das Leben und Schicksal von Trennungskindern treffen, ohne die wahren Hintergründe zu kennen. An Jugendämter, Familiengerichte, Gutachter, Verfahrensbeistände, politische Entscheidungsträger und alle Fachkräfte, die Einfluss darauf haben, was mit Kindern und ihren Familien nach einer Trennung der Eltern geschieht, ohne wirklich zu erkennen, worin die tatsächlichen Ursachen liegen.
Bevor über Kinder und ihre Zukunft entschieden wird, müssen ihre Bedürfnisse ernst genommen und die möglichen Folgen jeder Entscheidung wirklich verstanden werden. Es geht um ihre Kindheit, ihre Beziehungen, ihren Schutz und ihre Zukunft. Dieser Brief sollte deshalb überall dort gelesen werden, wo über das Schicksal von Kindern entschieden wird.
Ich persönlich mag den Hinweis, dass viele Fragen, die zu Einschätzungen oder Entscheidungen führen, ganz am Anfang gestellt werden müssen. Nicht erst dann, wenn gewisse Dynamiken bereits im vollen Gange sind. Aber auch wenn diese Dynamiken bereits im Gange sind, muss man es nicht hinnehmen, sondern versuchen, zu erforschen, worin die Gründe liegen. Hier sind diese Menschen und Institutionen gefragt, ihre eigene Herangehensweisen zu hinterfragen und sich zu fragen, ob sie wirklich alles in Betracht gezogen haben.
Danke an den/die Verfasser